Bericht aus dem DE vom 23.1.2015

wassermeyerGeboren in Sao Paulo, aufgewachsen in Darmstadt: Marius Wassermeyer spielt beim TEC Darmstadt Hockey. Sein Talent als Stürmer ist auch Brasiliens Nationaltrainer nicht verborgen geblieben: Der 22 Jahre alte Lehramtsstudent hat die Chance bei Olympia 2016 in Brasilien teilzunehmen.

„Als Hockeyspieler muss man ein bisschen verrückt sein“, sagt Marius Wassermeyer lachend, während er die Schienbeinschoner gerade rückt. Nicht verrückt aber spannend sehen die Pläne des 22 Jahre alten Hockeyspielers aus, der im Regionalliga-Team des TEC Darmstadt auf Torejagd geht: Er will für sein Geburtsland Brasilien an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilnehmen.

1992 wurde Marius in Sao Paulo geboren, im Alter von zweieinhalb Jahren adoptierte ihn das deutsche Ehepaar Jutta und Claus Wassermeyer, so besitzt er beide Staatsbürgerschaften. Dadurch könnte für ihn der Traum eines jeden Sportlers in Erfüllung gehen – die Olympiateilnahme.

Claus Wassermeyer spielte früher selbst Hockey bei Etuf Essen. Seine Begeisterung für diesen Sport übertrug sich auf den Sohn. Als Marius mit seiner Familie vor 14 Jahren nach Darmstadt kam – von Brasilien ging es über einen Zwischenstopp in Spaniens zweitgrößter Metropole Barcelona nach Deutschland – schwang er bei einem Tag der offenen Tür des TEC erstmals selbst den Hockeyschläger – und ist bis heute dabei geblieben. „In der B-Jugend musste ich mich dann zwischen Hockey und Leichtathletik entscheiden. Beim Hockey habe ich größere Erfolgsaussichten gesehen“, erzählt der 22-Jährige, der an der TU Darmstadt Sport und Geschichte für das Lehramt studiert.

Nach einem Ausflug in die Jugend-Mannschaften des Rüsselsheimer RK mischt der lauffreudige Stürmer nun in der ersten Mannschaft des TEC die Regionalliga auf – und vielleicht auch das olympische Turnier in seinem Geburtsland. Möglich gemacht hat das Mannschaftskamerad Fritz Großpietsch. Er stellte den Kontakt zu Hubertus Reinbach her, der das Tor in der brasilianischen Feldhockey-Nationalmannschaft hütet. Reinbach wiederum brachte das Stürmertalent aus Darmstadt beim brasilianischen Verband ins Gespräch. „Ich musste Videomaterial nach Brasilien schicken. Kurz darauf bin ich zu einem Sichtungstraining nach Rio eingeladen worden“, berichtet Marius. Dort konnte der Angreifer Nationaltrainer Cláudio Rocha überzeugen.

Seitdem ist sein Terminplan eng getaktet: mehrwöchige Trainingslager in Holland, ein Turnier der World Hockey League im September 2014 in Mexiko. Dazwischen Studium und Training im Heimclub. Er saugt jeden Moment in sich auf. „Ich hätte nie gedacht, mal für Brasilien zu spielen. Ich lebe zwar schon lange in Deutschland, aber ich weiß immer noch, wo ich herkomme.“

Natürlich ist der Weg nicht einfach, denn Hockey wurde in Brasilien erst nach der Bewerbung für die Olympischen Spiele Thema. Vom 18 Mann starken Kader stammen zwei Spieler aus Deutschland, drei aus Holland und einer aus England. „Wir trainieren nicht wirklich viel zusammen, außerdem gibt es in Brasilien nur einen Hockeyplatz.“ Dennoch sieht er positiv in die Zukunft des „Hockey-Entwicklungslandes“. Die Stimmung im Team beschreibt er als gut. Der brasilianische Verband unterstütze sie nach Kräften. „Der Verband kommt finanziell für alles auf“, bekräftigt Wassermeyer.

An seinen Portugiesisch-Kenntnissen will er noch ein wenig feilen. „Erst gibt es eine taktische Einweisung von knapp 30 Minuten Länge auf Portugiesisch. Dann wird für uns Europäer alles in zwei Minuten auf Englisch zusammen gefasst“, berichtet er mit einem Schmunzeln.

Im Training dominieren Kraft-einheiten. „Die Brasilianer wollen gut aussehen.“ Was das taktische Verständnis der Auswahl-Kollegen angeht, sieht der Darmstädter noch Luft nach oben. „Das ist wie beim Fußball, sie tricksen einfach gern. Dass man aber auch ohne Ball für die Mannschaft arbeiten muss – daran hapert es noch.“ Um das zu verbessern, steht im Frühjahr ein weiteres Trainingslager an. „Da werde ich erst im April dazustoßen, weil ich vorher noch Klausuren an der Uni schreibe.“

Danach hat Marius Wassermeyer ein Urlaubssemester beantragt, um sich ganz auf seinen Traum konzentrieren zu können. „Für Olympia gebe ich wirklich alles.“ Doch um diesen Wirklichkeit werden zu lassen, müssen er und die Mannschaft im Sommer bei den Panamerikanischen Spielen die Qualifikation für Rio perfekt machen. „Wir sind auf einem guten Weg, haben eine tolle Mannschaft. Ich bin optimistisch, dass wir es schaffen.“